Die Überlegung beschäftigte uns schon lange: Wie können wir Nachhaltigkeit bei unseren individualpädagogischen Auslandsbetreuungen gewährleisten? Dabei wussten wir, dass die Maßnahmen in mehr oder weniger isolierten Umgebungen im Ausland selbst meistens positiv wirksam waren und den betroffenen Jugendlichen halfen, eine neue Orientierung zu finden. Auch verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen deuteten in diese Richtung. Das große Problem aber war der Übergang aus der intensiven Betreuungssituation im Ausland in die gewohnte Umgebung in Deutschland nach Abschluss der Hilfe. Zu oft konnten wir beobachten, dass die Gefahr eines Rückfalls in früher erlernte Verhaltensweisen bestand und damit der Erfolg nicht von langfristiger Dauer war.

Daraus entstand bei uns das Konzept, die Rückkehrer- und Care Leaver-Problematik bereits zu Beginn von stationären Unterbringungen in den Fokus zu nehmen und die Hilfen von Anfang an auch darauf auszurichten. Umgesetzt wird dieses Projekt mit dem Namen „Drehscheibe“ bei Wellenbrecher in einem speziell zu diesem Zweck eingerichteten und mit Peronal ausgestatteten Haus in Castrop-Rauxel. Mit Unterstützung der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW führte Wellenbrecher dort einen dreijährigen Modellversuch zusammen mit der Universität zu Köln durch, dessen vorläufige Ergebnisse als ein Thema auf der Tagung „Auf Biegen und Brechen?“ vom 20.–21.3.2019 in Köln vorgestellt wurden. 

Dabei hatten wir die Ausgangsproblematik immer auch als exemplarisch für Unterbringungen in hochstrukturierten isolierten Umgebungen, z.B. in der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder etwa dem Jugendstrafvollzug betrachtet. Aus diesem Grunde wurde in der zweitägigen Veranstaltung nicht nur die Drehscheibe zum Thema, sondern darüber hinaus ganz allgemein die Alltags- und Übergangspraktiken in den Hilfen für junge Menschen. Weit über 20 Referentinnen und Referenten aus 15 verschiedenen Universitäten und Hochschulen, von Jugendhilfeträgern, Schulen und anderen Organisationen sowie eine frühere Teilnehmerin an einer individualpädagogischen Auslandsmaßnahme schilderten aus jeweils unterschiedlicher Perspektive die gleiche Übergangsproblematik bei oder nach Abschluss von pädagogischen oder psychiatrischen Maßnahmen. Was uns besonders freute: Unter den TeilnehmerInnen befanden sich nicht nur Fachkräfte, sondern auch interessierte Jugendliche aus den Betreuungsmaßnahmen.

Für uns ergibt sich als wichtiges Resümee: Wenn wir ein sowohl für die betroffenen jungen Menschen wie auch für die Gesellschaft langfristiges positives Ergebnis erreichen wollen, dann hängt das nicht nur vom Konzept der Maßnahmen selbst, sondern vor allem auch davon ab, dass ein Ende der Hilfe langfristig fließender gestaltet werden muss. Für keine funktionierende Familie hört die Bindung an und die Verantwortung für ihre Kinder mit Erreichen der Volljährigkeit auf, aber im System der Jugendhilfe ist das Vollenden des 18. Lebensjahres normalerweise der Punkt, an dem „das Küken aus dem Nest gestoßen wird und flügge zu sein hat“. Nur wenn diese Klippe aufgeweicht wird, kann ein nachhaltiger Erfolg aller pädagogischen Anstrengungen aus der Zeit davor sicherer prognostiziert werden. Jugendhilfe ist Menschenhilfe und hilft so letztlich auch der Gesellschaft, Kosten zu sparen anstatt nur Kosten zu produzieren.

Zur näheren Info steht hier der Flyer der Tagung ebenfalls noch einmal als Download bereit. Es ist geplant, alle Vorträge und Ergebnisse demnächst als Buchveröffentlichung zur Verfügung zu stellen.