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Erste Gratulation zum 25-jährigen Jubiläum von Wellenbrecher e.V.

Jugendhilfe ist immer ein Spiegelbild der sozialen und gesellschaftlichen Wirklichkeit

Interview mit Norbert Scheiwe

ScheiweNorbert Scheiwe, Dipl. Sozialpädagoge, und von 1988 bis 2015 Gesamtleiter des Campus Christophorus Jugendwerk in Breisach-Oberrimsingen, ist seit vielen Jahren Wegbegleiter von Wellenbrecher. Der Mitinitiator der Gedenkstättenpädagogik (Verein "Für die Zukunft lernen") und Initiator vieler Projekte auf dem Camino de Santiago, Mitgründer des Europäischen Forums für Soziale Bildung (EFFSE) und derzeitiger ehrenamtlicher Geschäftsführer, gratuliert dem Jugendhilfeträger herzlich zum 25-jährigen Bestehen.

 

Wellenbrecher: Herr Scheiwe, seit 2016 sind sie hauptberuflich nicht mehr aktiv. In welcher Beziehung standen Sie zu Wellenbrecher?

Scheiwe: Ich bin vor etlichen Jahren dem Gründer von Wellenbrecher e.V., Joachim Glörfeld, bei einer Tagung des Bundesverbandes Erlebnispädagogik begegnet. Diese Beziehung mündete irgendwann in eine zunächst fachlich und kollegial fundierte und dann persönliche Freundschaft. Ich kann mich noch sehr gut an den fachlichen Bezug dieses „Irgendwann“ erinnern. Wir hatten uns im Rahmen eigener kleiner Colloquien auf stundenlange Bildungsdebatten eingelassen und dabei festgestellt, dass Individualpädagogik sehr viel mit interkultureller und sozialer Bildung zu tun hat. Das „Europäische Forum für soziale Bildung“ entstand, stark mitgeprägt und beeinflusst von der fachlichen Ausrichtung von Wellenbrecher e.V., von Mitarbeitenden und dem „Gründergeist“ von Jochen Glörfeld.

Und heute begleite ich nach meinem Ausstieg aus dem operativen „Geschäft“ als interessierter Privatier die Entwicklung der Einrichtung mit großem fachlichen Interesse.

Wellenbrecher: Wie sah der individualpädagogische Ansatz / das individualpädagogische Angebot vor 25 Jahren aus? Wo befinden wir uns heute?

Scheiwe: Innovatorische Prozesse in der Jugendhilfe bis hin zu gesetzlichen Veränderungen entstanden schon immer aus Grenzerfahrungen heraus. Immer, wenn Strukturen und Methoden nicht mehr die nötigen „Erfolge“ versprachen oder eher negativ wirkten, wurden sie von meist mutigen Menschen, Fachleuten verändert und weiter entwickelt.

Jugendhilfe stellt immer auch ein Spiegelbild der sozialen und gesellschaftlichen Wirklichkeit dar. Nach den gesellschaftlichen Veränderungen der 70iger Jahre, der sog. Heimkampagne und der fortfahrenden Professionalisierung der Erziehungshilfen, wirkten sich sowohl historische und ökologische Impulse als auch gesamtgesellschaftliche Phänomene der Pluralisierung und Individualisierung auf die Entwicklung der erzieherischen Hilfen aus. Alle neuen und „exotischen“ experimentellen Ansätze wurden zunächst unter der Begrifflichkeit „Erlebnispädagogik“ und „Erlebnispädagogische Projekte“ subsumiert. Kurt Hahn und andere Protagonisten der Reformpädagogik bildeten einen der theoretischen Hintergründe.

Gleichzeitig entstand mit der Einführung des neuen SGB VIII auch eine politische, fachliche und gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit, „allen jungen Menschen“ ein entsprechendes Angebot der Erziehung anzubieten, weil sie darauf einen gesetzlichen Anspruch haben – eine wesentliche Voraussetzung zu individualisierten Angeboten. Hinzu kam, dass ein größeres Potenzial von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in und mit den klassischen Heimstrukturen unzufrieden waren und individuelle Wege gehen wollten. Protagonisten in den Landesjugendämtern wie Wolfgang Liegel und Rainer Opladen in NRW und Wolfgang Post in Baden unterstützten derartige Bestrebungen, öffneten Strukturen und wirkten als Motoren der „Individualpädagogik“. Reise- und Schiffsprojekte entstanden, viele davon erlebnis- und handlungsorientiert und schon damals verbunden mit der Veränderung von kulturellen Kontexten und einem individuellen Setting.

Im Laufe der Weiterentwicklung trennte sich die sog. „Erlebnispädagogik“ von der „Individualpädagogik“ und beide bildeten sie jeweils eigenständiges methodisches und theoretisches Handeln. Mit der Aufnahme in das SGB VIII sind individualisierte Angebote ein fester Bestandteil der Jugendhilfe. Die aufkommende Bildungsdiskussion in der Bundesrepublik tat ihr Übriges (siehe Präambel EFFSE)

Heute versteht man unter „individualpädagogischen Angeboten“ Hilfeformen, in denen immer ein individuelles Setting, speziell und ausschließlich für einen einzelnen jungen Menschen entwickelt und umgesetzt wird. Spezielle Wohn- und Betreuungsformen, individuelle Bildungs- und Therapieangebote sind weitere Spezifika dieser Hilfeform. Sie werden im Ausland sowie im Inland angeboten.

Zwei bundesweite Studien, InHaus 1 und InHaus 2, die der BVKE in beim Institut für Kinder-und Jugendhilfe in Auftrag gegeben hatte, belegen, dass diese Hilfeform die erfolgreichste Form der Erziehungshilfe überhaupt ist und dass auch die nachhaltige Wirkung durchaus erfolgreich ist.

Individualpädagogische Hilfen sind auch heute einer stetigen Weiterentwicklung und einem Wandel unterzogen, Wellenbecher e.V. und EFFSE sind wichtige Protagonisten in der Qualitätsverbesserung dieses Angebotes.

Wellenbrecher: Welche Strukturen - gesellschaftspolitisch, innerhalb der Administration oder Gesetzgebung - müssen sich ändern?

Scheiwe: Pädagogik ist immer von Haltungen und ethischen Grundsätzen abhängig, sie wirken hinein und so muss sich m.E. politisch die Möglichkeit einer gerechten Teilhabe umfassend durchsetzen. Sie ist die Voraussetzung, damit sich weniger Ausgrenzung, Stigmatisierung und soziale Ungerechtigkeiten manifestieren.

Eine der wesentlichen zukünftigen gesetzlichen Veränderungen, die auf uns alle zukommen werden, sind Gesetze, die die Umsetzung der Behindertenkonvention realisieren werden. Inklusion wird eine der großen gesellschaftlichen und politischen Themen und Herausforderungen. Der Veränderungsprozess hat mit der Zeichnung der Konvention durch die Bundesrepublik Deutschland begonnen.

Inklusion ist kein „Anpassungsverfahren“ sondern eine Lebensweise, eine Lebenshaltung, die erst gelernt werden muss. Eine wirkliche Umsetzung setzt voraus, dass niemand mehr wegen seines „Handycaps“, welches es auch sei, gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche etc. Ausgrenzung, sondern eine gerechte und angemessene Teilhabe erfährt.

Wellenbrecher: Haben Sie bestimmte Vorstellungen/Visionen?

Scheiwe: Es würde den Rahmen dieser Publikation sprengen, wenn ich alle meine Vorstellungen ausführlich darlegen sollte, deshalb hier lediglich einige Stichwörter.

• sozialräumlich und überregional agieren

• konsequente Weiterführung der Entwicklung individualisierter Bildungsangebote, pädagogischer Settings und therapeutischer Hilfen - konzeptionell, strukturell, finanziell

• Europa als Lernort nutzen

• Partizipation von jungen Menschen und Mitarbeitenden als Prinzip

• Transparenz von Entscheidungen als Prinzip

• Kommunikation als wesentliches Instrument der Steuerung von Prozessen

• Mut zum Risiko, Mut zum Fehler

• Kooperationen aller Art eingehen

• Inklusiv denken lernen

• Lobbying und Ombudschaft ernst nehmen

• Position beziehen

Wellenbrecher: Wo sehen Sie „Wellenbrecher“ in diesem Kontext?

Scheiwe: Wellenbrecher ist offensichtlich auf einem guten Weg, und Lernen ist immer möglich. Herausforderungen der Zukunft werden sein, eine angemessene und qualifizierte Übergabe in eine nächste Geschäftsführer- und Mitarbeitenden-Generation zu bewältigen und neben dem Setzen auf die Qualität des Bewährten auch auf die Dynamik, den Drive und den Elan der Zukunft zu setzen. Herausforderungen gibt es genug. Sie werden immer von Menschen, nicht von Maschinen bewältigt und diesen Menschen darf man vertrauen, wenn es menschlich weiter gehen soll. Viel Erfolg dabei.

Norbert Scheiwe engagiert sich heute vielfach ehrenamtlich u.a. als Vorsitzender der European Charity University e.V. und des „Europäischen Hauses der Begegnung e.V., Vorsitzender der L.U.C.Y.-Stiftung - Bildung für Kinder und Präsident der Badischen St.Jakobusgesellschaft e.V.