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AUS DER PRAXIS: POLEN

Wir veröfentlichen hier einen Text, der sehr anschaulich von einer Betreuten aus einer unserer polnischen Auslandsmaßnahmen eigenständig geschrieben wurde. Allerdings sind alle Namen, außer der von Wellenbrecher-MitarbeiterInnen aus Datenschutzgründen verändert worden.

Die Autorin des Textes beschäftigt sich auch sehr intensiv mit Fotografie. Mit Klick auf den Link rechts können Sie eine Präsentation ansehen oder herunterladen, die ebenfalls von ihr erstellt wurde.

 

Wie mein neues Leben begann von A. L.*

Mit gepackten Koffern stieg ich ins Auto. Richtung Dortmund. Ich verabschiedete mich von meiner Mutter mit dem Wissen, dass ich sie möglicherweise erst einmal nicht wiedersehen werde. Damals noch mit den Gedanken, nach Russland zu gehen – nach dem Reiseprojekt. So begann also alles. Ich stieg bei der Frau W. ins Auto und fuhr los. Ich schaute nicht mehr zurück. Von meinen Bruder habe ich mich verabschiedet. Sabine* wollte anrufen - tat sie aber nicht. Bernd* habe ich schon länger nicht mehr gesehen. So saß ich im Auto. Es war heiß, trotzdem trug ich eine dicke Jogginghose und eine Boxershort darunter, ein Unterhemd, T-Shirt und Weste… Alles mindestens zwei Nummern zu groß.

In Dortmund angekommen, gingen wir ins Büro von Wellenbrecher. Da gab es dann noch ein kurzes Gespräch mit Frau Marchenko und Susanna F., irgendsoeine Psycho-Tante, mit der ich dann nach Polen fahren sollte, zwei Monate da bleiben muss. Einfach nur zum Kotzen. Wie soll ich das denn aushalten? Kann ja spannend werden...

Ob ich die Susanna gemocht habe? Nein, ich fand sie grausam. So habe ich gedacht, als wir noch in Deutschland waren... Auf der Autofahrt habe ich mit ihr nicht viel geredet. Ich wollte einfach nur meine Ruhe. Naja, und hörte Musik über MP3 Player. Aber irgendwann hat der Akku aufgegeben. So eine Kacke aber auch. Radio hat sie erst gar nicht eingeschaltet.

Ich fand sie echt nur blöd. Genauso wie Frau Tarnarzewska, Herrn Karafiol, Herrn K. und jeden anderen, inklusive mich selbst.

So begann also mein neues Leben.

Wie es weiterging

Ich lernte mich selbst ein Stück besser kennen, wollte von selbst wieder Schule machen, habe Ziele gefunden und erreicht. Ich musste mich mit mir selbst auseinandersetzen. Ich sag nur eins: es ist nichts Angenehmes… Es wahr häufig schmerzvoll, der Wahrheit ins Gesicht zu gucken und sie dann auch zu akzeptieren. Doch zum Glück hatte ich immer eine Person an meiner Seite, die mir zuhörte und half. Und jetzt einmal bitte raten, wer das war? Ja, es war die schreckliche Susanna, die bald schon gar nicht mehr so schrecklich war, sondern von der ich immer mehr lernte und die mir die Welt von anderen Seiten zeigte.

Mein Projekt endete in Ciche, und es wurde beschlossen, dass ich in Polen bleibe – auf meine eigene Bitte hin. Ich kam nach Witowko. Ein kleines Dörfchen. Die perfekte Stelle für mich. So, wie ich damals war. Dort bekam ich die Ruhe und Ungestörtheit, die ich benötigte, um zu mir selbst zu kommen... Hier blieb Ich bis Dezember 2013. Ich fing an mit der Schule. Innerhalb von 13 Monaten machte ich das 2. Halbjahr der siebten Klasse zu Ende, dann die achte Klasse. Und dann im August 2013 fing ich mit der neunten Klasse an. Schulisch gesehen konnte es besser nicht laufen.

Mit meiner Familie ging es drunter und drüber. Ich hatte Kontakt zu ihr per Post. Dennoch hatte ich irgendwann die Schnauze voll von allem... Nach dem Hilfeplangespräch im April 2013 brachte ich es soweit, dass ich den Kontakt zu meiner Mutter gezielt abbrach. Ich forderte sie auf, sich zu entscheiden, zwischen mir und meinem Bruder Georg*. Sie ist Mutter, dazu kenne ich sie sehr gut – klar war also, dass sie sich für niemanden entscheidet. So beendete ich den Kontakt. Von da an kamen keine Briefe mehr und nichts, wie ich mich damit fühlte? Auf einmal spürte ich, wie eine schwere Last von mir abfiel. Mit meinen Geschwistern hatte ich mehr oder weniger weiterhin Kontakt. Zu meinem Vater auch.

Bis November 2013. Es fand ein Hilfeplangespräch statt. Dieses Mal in Deutschland. Ich schlief bei Sabine. Ich sah auch Jan* und Bernd. Beim Hilfeplangespräch traf ich auf meine Mutter. Die Wut war immer noch da. Doch ich hielt mich und meine Emotionen unter Kontrolle, ich ließ meine Mutter nicht gewinnen.

Als ich ein Paar Tage später wieder in Polen war wurde mir bewusst, dass sie – also meine Geschwister etc. – sich gar nicht verändert hatten. Auf einmal bemerkte ich, wie sie mich mit runter zogen. Sie taten es nicht speziell. Sie waren ein Teil der Vergangenheit, die ich hinter mir lassen wollte. Ich aber lud immer wieder die Vergangenheit ein und ließ zu, Macht über mich zu haben. Ich beschloss, mich ganz von ihr zu trennen. Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Familie. Ich wollte es nicht.

Nicht lange nach dem Hilfeplangespräch wechselte ich die Projektstelle. Dort, wo ich war, habe ich alles erreicht, was ich erreichen konnte und wollte. Meine Zeit war dort abgelaufen, und ich wollte mich weiter entwickeln… Also ging es weiter.

Weihnachten stand vor der Tür. Eigentlich war angedacht, ich feiere es bei meiner großen Schwester in Deutschland. Doch es kam alles ganz anders. Herr Karafiol rief mich an und fragte, ob ich damit einverstanden wäre, Weihnachten bei Susanna in Portugal zu feiern. Klar. Ich hatte nichts dagegen. Also ging es am 9.12.2013 nach Deutschland (Dortmund) per Bus und am 11.12 mit dem Flugzeug nach Portugal. Ich war hier knappe vier Wochen. Natürlich über Weihnachten und Silvester. Ich bekam die Augen geöffnet für eine andere Art des Denkens. Ich lernte ein Stück weiter, mich, meine Ängste, Hoffnungen und Wünsche kennen. Danach sah ich die Welt anders. Außerdem schaffte ich es, mir klare Ziele in Bezug auf meine Familie zu setzen. Und noch vieles mehr...

Nach diesem zweiten ''Reiseprojekt'' ging es wieder nach Polen. Diesmal aber nicht zurück nach Witowko, sondern nach Zamek Bierzgloski. Hier erwartete mich eine neue Projektstelle sowie eine große Herausforderung, wie sich später herausstellte. Es war schwer, mich an die Familie anzupassen, und mir kam es vor, als ob ich nicht mehr ich wäre… Dazu kam dann auch noch, dass wir über vieles zu verschiedene Meinungen hatten und wir es nicht schafften, aufeinander zuzugehen. Ach, dazu kam dann auch noch, dass ich dann irgendwann einfach provoziert habe. Kurz gesagt: ich blieb da nicht lange, und der Abgang war auch kein angenehmer. Trotzdem bin ich echt froh, da gewesen zu sein. Auch wenn es für beide Seiten nicht immer schön war, habe ich eine Menge dort gelernt.

Aller guten Dinge sind drei

So jetzt bin ich in meiner dritten Projektstelle. Seit ende Mai bin ich hier. Wieder mitten im Wald. Laut Herrn Karafiol ein Schritt zurück. Doch ich finde, dass es manchmal besser ist, einen Schritt zurück zumachen und dann zwei nach vorne, als krampfhaft etwas zu probieren, was nicht gut gehen kann. Für mich war dieser Schritt erforderlich, um mich weiterzuentwickeln. Im Sommer 2014 habe ich meinen Hauptschulabschluss gemacht. Mit einem Notendurchschnitt von 1,67 – ehrlich gesagt hätte er noch ein bisschen besser sein können, da ich die Prüfungen verhauen habe. Ich habe mich selbst mega unter Druck gesetzt.

Hier ist es nicht perfekt. Doch es ist gut, so wie es jetzt ist. Im Sommer 2015 werde ich meinen Realschulabschluss mit Qualifizierung ans Gymnasium machen, und danach werde ich direkt nach Deutschland zurückgehen. Dort werde ich in einer anderen Projektstelle noch wohnen und mich langsam verselbstständigen. Am meisten freue ich mich darauf, dass ich wieder zur Regelschule gehen kann.

Im Sommer 2015 werde ich genau drei Jahre hier sein, und ich freue mich wohl darauf, wieder in Deutschland zu sein. Ich bin so verdammt froh, dass es Wellenbrecher gibt und ich Frau W. als Jugendamt-Bearbeiterin habe und nicht irgendwen anders, da sie an mich glaubte als ich bereits aufgab. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich bis zu meinem 18. Lebensjahr in der geschlossenen Psychiatrie gelandet.

*Name von der Redaktion geändert

Präsentation
(ppt-Datei)

Präsentation
(QuickTime-Film)

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