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DOKUMENTATION EINES BETREUUNGSVERLAUFS

Von Dieter Sous, ambulantes Team Düren. Ali ist der 17-jährige Sohn einer Familie aus Bosnien. Außer ihm leben in der Familie zwei jüngere und vier ältere Geschwister sowie die beiden Eltern. Die Familie kam nach Deutschland, als Ali ein halbes Jahr alt war. Die Familie hat seither keine Aufenthaltsgenehmigung. Sie wird nur geduldet. Der Vater ist aufgrund von Kriegsereignissen psychisch erkrankt. Ali besucht seit 3 Jahren die Schule für Erziehungshilfe. Die Jugendhilfemaßnahme wurde vor 2 Jahren aufgrund massiver Probleme in der Schule eingerichtet. Ali verweigerte die Mitarbeit in der Schule völlig. Meistens bemalte er während des Unterrichts seine Hefte, Bücher oder auch den Tisch mit Graffiti. Oft störte er auch den Unterricht durch eine Vielzahl von Kommentaren. Mit den anderen Schülern gab es häufig Streit. Das Jugendamt und die Schule kamen zu der Einschätzung, dass aufgrund der familiären Situation eine Begleitung über die Schule hinaus sinnvoll wäre. Außerdem hatte Ali in der Vergangenheit mehrere Straftaten begangen, hauptsächlich Fahrraddiebstähle. Auch hier sollte die Betreuung einwirken.

Zunächst wurden folgende HPG - Ziele vereinbart:

• Unterstützung in schulischen Angelegenheiten, Problemanalyse und Motivationsarbeit

• Förderung der Integration der Familie

• es sollte gezielt auf die Straffälligkeit des Jugendlichen eingewirkt werden

In den nachfolgenden HPG wurden diese Ziele im wesentlichen beibehalten. Es konnte eine positive Entwicklung vermerkt werden. Hinsichtlich der Straffälligkeit ging es bald nur noch um eine Stabilisierung des Erreichten. Es wurde auch festgestellt, dass die unten beschriebene direkte Begleitung in der Schule ihren Zweck erfüllen konnte.

In der Arbeit mit dem Jugendlichen stand zunächst die Beziehungsarbeit im Vordergrund. Es war wichtig, Ali vor dem Hintergrund der schwierigen familiären Situation in der Person des Betreuers einen Halt zu geben und sein Selbstwertgefühl zu stärken, war doch die familiäre Situation aufgrund der bloßen Duldung seit über einem Jahrzehnt von einem Zustand permanenter Zukunftsungewissheit geprägt. Es war zudem erforderlich, dem Jugendlichen im Spannungsfeld unterschiedlicher Kulturen eine Orientierung zu geben. Es galt auch, ein Stück weit den Vater zu ersetzen, da dieser aufgrund seiner schweren Erkrankung seine Rolle nicht wahrnehmen konnte. Von großer Bedeutung erschien es, Alis jugendkulturelle Identität wahrzunehmen und ihr in der Arbeit zu begegnen.

In der praktischen Arbeit war eine enge Zusammenarbeit mit der Schule erforderlich. Dabei war es wichtig, die Ideen und Vorstellungswelt der Familie zu erfassen. Der Kontakt zu dem Jugendlichen wurde zunächst im Rahmen von Freizeitaktionen hergestellt. Diese boten eine gute Gelegenheit, den Jugendlichen kennenzulernen. Auch im weiteren Verlauf des Projektes sollten sie immer wieder eine Plattform darstellen, um wichtige Themen zur Sprache zu bringen. Darüber hinaus sollte dem Jugendlichen durch das Initiieren von Freizeitaktionen ein allgemeines Gefühl der Wertschätzung vermittelt werden. Gemeinsamer Spaß und Erfolgserlebnisse sollten ebenfalls ihren Raum finden.

Erlebnispädagogische Aktivitäten dienten im besonderen dazu, Ängste zu überwinden und eigene Grenzen zu erfahren, aber auch das eigene Können zu entdecken und unter Beweis zu stellen. So bewies Ali z.B. beim Besuch der Kletterhalle großes Geschick und scheute auch vor den höchsten Höhen nicht zurück. Beim Kartfahren musste er indes erst einmal Hemmungen überwinden.

In seiner jugendkulturellen Identität fühlt Ali sich der Rapperszene zugehörig. Er verfasst zusammen mit Freunden eigene Texte und sammelt sämtliche Informationen über die großen Stars. In unseren Gesprächen hat er immer wieder mit Begeisterung von Neuigkeiten aus der Szene erzählt und mit wachsender Vertrauensbasis auch seine selbst verfassten Texte vorgelesen. Schließlich wurde arrangiert, dass Ali zusammen mit einem Freund eine eigene CD aufnehmen konnte. Inzwischen produziert er bei Freunden, die die entsprechenden Geräte besitzen, CD´s in eigener Regie.

In Gesprächen mit der Schule stellte sich heraus, dass das Thema „Ein Rapper zu sein“ eine wichtige Rolle bei den dortigen Auseinandersetzungen spielte. Ali hatte sich offensichtlich auf die Vorstellung fixiert, dass er ohnehin einmal ein großer Star werde und schulische Erfolge nicht nötig hätte. Die Schule begegnete dem wiederum damit,dass sie Ali einfach nur als „Spinner“ abtat.

Die Rolle des Betreuers bestand nun in einer Moderation zwischen der Schule und dem Jugendlichen.

Der Schule galt es einerseits zu verdeutlichen, wie sehr sich Ali durch solche Äußerungen als Mensch abgewertet fühlte. Der Rap hatte schließlich eine wichtige identitätsstiftende Funktion für ihn. Er war Ausdruck seiner Lebenswelt mit all ihrer Verzweiflung, Gewalterfahrung durch Krieg und Perspektivlosigkeit. Zugleich ging es aber auch darum, Ali zu verdeutlichen, dass die Chance, ein Star zu werden, tatsächlich sehr gering ist, und dass es unerlässlich ist, einen Schulabschluss zu bekommen. Um die Mitarbeit in der Schule zu fördern, wurde gemeinsam mit den Lehrern beschlossen, dass der Betreuer Ali ein- bis zweimal in der Woche im Unterricht begleiten sollte. So konnten die Probleme unmittelbar vor Ort miterlebt und direkt interveniert werden, um zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal über die gemeinsam erlebten Schulstunden, die Mitarbeit, Verständnisprobleme, Konflikte mit anderen Schülern usw. zu reden. Tatsächlich verbesserte sich die Mitarbeit nach einiger Zeit deutlich, so dass eine Begleitung nach etwa einem halben Jahr nicht mehr erforderlich war.

Darüber hinaus wurde er bei seinen Hausaufgaben durch den Betreuer unterstützt. Ali zeigte hier zunächst nur sehr wenig Ausdauer, so dass erst einmal die Zeitdauer der gemeinsamen Arbeit an den Hausaufgaben stark begrenzt wurde. Allmählich gelang es aber, den Zeitrahmen immer mehr zu erweitern. Inzwischen beschwert sich Ali nicht mehr, selbst wenn es einmal 2 Stunden lang dauert. Völlig selbständig erledigt er die Hausaufgaben aber noch nicht. Meistens sind sie dann unvollständig, wenn ihn niemand kontrolliert.

Durch die enge Einbindung in das schulische Geschehen ergab sich auch auch die Gelegenheit, sich ein Bild von den intellektuellen Fähigkeiten des Jugendlichen zu machen. Es fiel auf, dass Ali oftmals noch nicht einmal einfache Aufgabenstellungen verstand, worauf er dann stets mit „Faxen machen“ und anderen Störungen des Unterrichts reagierte. Auch bei der Begleitung der Hausaufgaben bedurfte es manchmal äußerster Anstrengung, selbst einfachste Zusammenhänge zu vermitteln. Dies war aber nicht auf eine Verweigerungshaltung zurückzuführen.Im engen persönlichen Kontakt mit Ali konnte man feststellen, wenn er bereit war, sich wirklich anzustrengen. Er war aber auch dann von vielen Aufgaben überfordert. Es schien, dass Ali die falsche Art von Schule besuchte, er hätte die LB-Schule besuchen müssen. Diese Ansicht wurde schließlich auch von der Schule geteilt. Da ein Schulwechsel aber nicht mehr möglich war, wurde der Unterrichtsstoff individuell in einigen Fächern auf LB-Niveau zugeschnitten. Ali arbeitet inzwischen gut mit. Auch die Verhaltensauffälligkeiten haben deutlich abgenommen. Es bestehen nun gute Chancen, dass Ali einen Schulabschluss erreicht.

In Gesprächen mit der Mutter und den Brüdern konnte bewirkt werden, dass auch diese nun mehr darauf achten, dass die Hausaufgaben erledigt werden. Es konnte eine Einstellungsänderung dahingehend bewirkt werden, dass die gesellschaftlichen Gegebenheiten hierzulande nun deutlicher gesehen werden. Insbesondere der Mutter wurde klar, dass ein Schulabschluss an einem Hochtechnologiestandort wie Deutschland einen anderen Stellenwert hat als im Herkunftsland. Sie selbst möchte sich nun auch darum bemühen, ihre sprachlichen Schwierigkeiten zu beseitigen. Sie will jetzt einen Deutschkurs besuchen.

Auch bezüglich der Einstellung zu kriminellen Handlungen konnte eine Veränderung bewirkt werden. Der Familie wurde deutlich, dass diese Handlungen nicht „egal“ sind, sondern auch eine negative Auswirkung auf den Aufenthaltsstatus haben. In ausländerrechtlicher Hinsicht wurde die Familie dahingehend unterstützt, dass Kontakte zur Beratungsstelle und zu einem Rechtsanwalt hergestellt wurden. Ebenso haben Kontakte des Jugendamtes mit der Ausländerbehörde stattgefunden. Durch diese praktische Unterstützung sollte einer resignativen Haltung entgegengewirkt werden. Eine weitere lebenspraktische Unterstützung bestand darin, mit Ali für wenig Geld ein Fahrrad zu ersteigern. Er braucht nun keines mehr zu stehlen. Ali begeht inzwischen keine Straftaten mehr.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass durch den Einsatz der ambulanten Jugendhilfe in der beschriebenen Maßnahme folgende Ziele erreicht werden konnten:

• Die Einstellung des Jugendlichen zur Schule und seine Arbeitshaltung haben sich deutlich verändert, so dass er nun höchstwahrscheinlich einen Schulabschluss erlangen wird.

• Der Jugendliche begeht keine Straftaten mehr.

• Die Eltern unternehmen verstärkte Anstrengungen in Richtung Integration.

Zu bedauern ist, dass Ali trotz aller positiver Veränderungen kaum eine Chance haben wird, beruflich integriert zu werden. Aufgrund seines ausländerrechtlichen Status der Duldung hat er keine Arbeitserlaubnis. Die Agentur für Arbeit darf weder seine Ausbildung noch eine Rehabilitationsmaßnahme nach Erreichen des Schulabschlusses für Lernbehinderte fördern. Ähnlich wie sein etwas älterer Bruder wird er dann ohne jede Perspektive weiterhin auf Sozialhilfe angewiesen sein. Es wird ihm auch kaum möglich sein, in sein Herkunftsland zurückzukehren, um dort eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen, da er dieses überhaupt nicht kennt. Die Sprache beherrscht er nur sehr unzureichend.

Es bleibt zu hoffen, dass die Ausländerbehörde von ihrem Recht Gebrauch macht und eine Arbeitsgenehmigung für die Zeit der Ausbildung schafft. Sinnvoll kann dies aber nur sein, wenn letztlich eine dauerhafte Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung erfolgt. Zur Stabilisierung des Erreichten wird die Maßnahme voraussichtlich noch bis zum Ende des laufenden Schuljahres fortgesetzt werden.

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